Ein Abend mit Katharina Franck oder dem Teufel auf den Schwanz getreten
Verfasst: So Feb 04, 2018 5:55 pm
Wer zum Teufel ist Katharina Franck? Nie gehört. Blueprint? Klar, die Rainbirds...
So oder so ähnlich könnte man die öffentliche Wahrnehmung von KF beschreiben. Die Rainbirds landeten mit Blueprint 1988 einen europaweiten Überhit und galten als real hot shit. Mit Recht. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern. Die Rainbirds klangen irgendwie frisch und anders, nicht "typisch deutsch". KF sang mit ihrer bezaubernden und unglaublich nuancenreichen Stimme englisch, als sei das für eine deutsche Künstlerin trotz Udo Lindenberg und BAP das Natürchlichste auf der Welt. War es für sie sicher auch wegen ihrer doch recht internationalen Sozialisation. Die Rainbirds hätten Nr. 5 der international relevanten und erfolgreichen Bands aus Deutschland werden können neben Tangerine Dream, Kraftwerk, den Scorpions und Rammstein. Doch dann kamen Querelen innerhalb der Band auf. Die Gründe sind wie immer unklar. Jedenfalls kam es schon bald zum "Big Split". Nachdem ich die Band 1988 oder 1989 im Jovel in Münster gesehen hatte, verlor ich schnell wieder das Interesse. Es kam kein zweites Blueprint, was nicht nur mich damals enttäuscht hat. Stattdessen ging KF zunehmend auf Solopfade.
Cut.
Wir schreiben 2015. Die Rainbirds sind mit einer Retrospektive in völlig neuem elektronischen Gewand auf Tour und ich schaue mir die Band in Osnabrück an. Die Songs und KF haben nichts an Qualität eingebüßt, so war mein Eindruck. Blueprint anno 2015 klang gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auch frisch, weil es nicht wie damals mit schrammeligen Gitarren daherkam, sondern mit modernen Beats. Und KF's Stimme hatte die Jahrzehnte sehr gut überstanden. Mein Interesse erwachte aufs Neue und ich hörte mich sozusagen rückwärts durch Teile des Werks. Poesie, Experimentelles, Sperriges, aber auch solo und akustisch echte Perlen.
Cut.
Gestern spielte KF so eine Art Wohnzimmerkonzert in dem Musikzimmer eines Restaurants in Castrop-Rauxel. Und das war - awesome. KF war schwer erkältet und kämpfte sich dessen ungeachtet mit Akustikgitarre und Stimme wacker durch ein zweistündiges Programm mit alten und neuen und teils unveröffentlichten Sachen. Neu war für mich, dass die deutsche Sprache in den neuen Stücken relativ breiten Raum einnimmt, was m.E. aber gut funktioniert. Textlich, ob deutsch oder englisch, mit mächtiger und gekonnter Sprache, musikalisch mal zerbrechlich, mal wütend, mal flüsternd, mal explosiv, mal melancholisch, mal heiter, eben typisch KF. By the way, das Ganze kam auch wahnsinnig dynamisch daher. Aus den guten alten Rainbirds-Zeiten hat mich das wunderschöne "The Bird Up There" vielleicht am meisten berührt. Tipp: Es gibt von diesem Stück eine klasse Liveaufnahme auf der Jubiläumsedition der ersten CD, die auch sonst empfehlenswert ist (Video aus Ostberlin anno 1988). Und dann kam als erste Zugabe ein Stück, das man lt. KF "nicht falsch spielen kann". Wörtlich:
"Dieses nächste Lied übe ich eigentlich nie. Manchmal denk' ich, mach's mal lieber..."
Jetzt kam natürlich Blueprint, und KF verhaspelte sich gleich zu Beginn und vergaß den sicher tausendmal gesungenen Text. Charmanter Kommentar: "Siehste, herbeigeredet". Lacher, weiter im Text bzw. das ein zweites Mal gerade nicht. Wieder versemmelt:-)
"I walk ahead alone.
You tell me not to go so fast.
But I am slower than you think.
I am as careful as your"
Lange PAUSE.
Publikumsruf: "touch"
KF fragt: "touch?"
KF lacht und schlägt die Hände vor ihr Gesicht. Riesen Gelächter und Applaus. Wer denkt, das sei peinlich gewesen, irrt. Weltklasse. Muss man hören, läßt sich so schlecht wiedergeben. Ich liebe diese Fehler, die niemand auf dem Schirm hat. Bisher fand ich einen Stockfehler von Ian Anderson am besten. Edinburgh 1987, statt Flöte vor der Poet & Painter Sequenz brüllt er "The poet and the painter" ins Mikro. Aber KF war noch besser und dabei unglaublich natürlich und charmant. "Ich glaub, jetzt müsst Ihr singen, das ist ein Zeichen..." So geschah es. Dann war sie wieder in der Spur und der Vortrag erfolgte nochmals von Anfang an flawless. Sicher das längste Blueprint aller Zeiten.
Fazit: Eine phantastische Ausnahmekünstlerin, die mit der Zeit noch besser geworden ist. Vielleicht war der frühe "Big Split" ein künstlerischer Segen und hat ihr die Freiheit gegeben, machen und spielen zu können, was sie will. Ich denke mir, und jetzt kommt der große Bogen zu Jethro Tull, Ian hätte den Split 1980, was er ja auch wohl vorhatte, konsequent machen und Tull beerdigen sollen. Faktisch ist das ja auch über die Jahre schleichend geschehen. IA ist aber bis heute Sklave seines Ruhms und muss ein Programm auf die Bühne bringen, das er längst nicht mehr stemmen bzw. singen kann. KF scheint frei zu sein. Ein paar Perlen der Rainbirds gehören dazu, aber die Masse ihres Schaffens und Vortrags ist danach entstanden. Anders, aber nicht schlechter. Und diese Frau hat ein Arbeitsethos, das wohl seinesgleichen sucht. Trotz eines hörbaren und immer wieder unterdrückten Hustens eine stimmliche Performance, die einfach nur klasse war. Ich möchte KF jetzt gerne noch einmal gesundheitlich topfit sehen...
So oder so ähnlich könnte man die öffentliche Wahrnehmung von KF beschreiben. Die Rainbirds landeten mit Blueprint 1988 einen europaweiten Überhit und galten als real hot shit. Mit Recht. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern. Die Rainbirds klangen irgendwie frisch und anders, nicht "typisch deutsch". KF sang mit ihrer bezaubernden und unglaublich nuancenreichen Stimme englisch, als sei das für eine deutsche Künstlerin trotz Udo Lindenberg und BAP das Natürchlichste auf der Welt. War es für sie sicher auch wegen ihrer doch recht internationalen Sozialisation. Die Rainbirds hätten Nr. 5 der international relevanten und erfolgreichen Bands aus Deutschland werden können neben Tangerine Dream, Kraftwerk, den Scorpions und Rammstein. Doch dann kamen Querelen innerhalb der Band auf. Die Gründe sind wie immer unklar. Jedenfalls kam es schon bald zum "Big Split". Nachdem ich die Band 1988 oder 1989 im Jovel in Münster gesehen hatte, verlor ich schnell wieder das Interesse. Es kam kein zweites Blueprint, was nicht nur mich damals enttäuscht hat. Stattdessen ging KF zunehmend auf Solopfade.
Cut.
Wir schreiben 2015. Die Rainbirds sind mit einer Retrospektive in völlig neuem elektronischen Gewand auf Tour und ich schaue mir die Band in Osnabrück an. Die Songs und KF haben nichts an Qualität eingebüßt, so war mein Eindruck. Blueprint anno 2015 klang gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auch frisch, weil es nicht wie damals mit schrammeligen Gitarren daherkam, sondern mit modernen Beats. Und KF's Stimme hatte die Jahrzehnte sehr gut überstanden. Mein Interesse erwachte aufs Neue und ich hörte mich sozusagen rückwärts durch Teile des Werks. Poesie, Experimentelles, Sperriges, aber auch solo und akustisch echte Perlen.
Cut.
Gestern spielte KF so eine Art Wohnzimmerkonzert in dem Musikzimmer eines Restaurants in Castrop-Rauxel. Und das war - awesome. KF war schwer erkältet und kämpfte sich dessen ungeachtet mit Akustikgitarre und Stimme wacker durch ein zweistündiges Programm mit alten und neuen und teils unveröffentlichten Sachen. Neu war für mich, dass die deutsche Sprache in den neuen Stücken relativ breiten Raum einnimmt, was m.E. aber gut funktioniert. Textlich, ob deutsch oder englisch, mit mächtiger und gekonnter Sprache, musikalisch mal zerbrechlich, mal wütend, mal flüsternd, mal explosiv, mal melancholisch, mal heiter, eben typisch KF. By the way, das Ganze kam auch wahnsinnig dynamisch daher. Aus den guten alten Rainbirds-Zeiten hat mich das wunderschöne "The Bird Up There" vielleicht am meisten berührt. Tipp: Es gibt von diesem Stück eine klasse Liveaufnahme auf der Jubiläumsedition der ersten CD, die auch sonst empfehlenswert ist (Video aus Ostberlin anno 1988). Und dann kam als erste Zugabe ein Stück, das man lt. KF "nicht falsch spielen kann". Wörtlich:
"Dieses nächste Lied übe ich eigentlich nie. Manchmal denk' ich, mach's mal lieber..."
Jetzt kam natürlich Blueprint, und KF verhaspelte sich gleich zu Beginn und vergaß den sicher tausendmal gesungenen Text. Charmanter Kommentar: "Siehste, herbeigeredet". Lacher, weiter im Text bzw. das ein zweites Mal gerade nicht. Wieder versemmelt:-)
"I walk ahead alone.
You tell me not to go so fast.
But I am slower than you think.
I am as careful as your"
Lange PAUSE.
Publikumsruf: "touch"
KF fragt: "touch?"
KF lacht und schlägt die Hände vor ihr Gesicht. Riesen Gelächter und Applaus. Wer denkt, das sei peinlich gewesen, irrt. Weltklasse. Muss man hören, läßt sich so schlecht wiedergeben. Ich liebe diese Fehler, die niemand auf dem Schirm hat. Bisher fand ich einen Stockfehler von Ian Anderson am besten. Edinburgh 1987, statt Flöte vor der Poet & Painter Sequenz brüllt er "The poet and the painter" ins Mikro. Aber KF war noch besser und dabei unglaublich natürlich und charmant. "Ich glaub, jetzt müsst Ihr singen, das ist ein Zeichen..." So geschah es. Dann war sie wieder in der Spur und der Vortrag erfolgte nochmals von Anfang an flawless. Sicher das längste Blueprint aller Zeiten.
Fazit: Eine phantastische Ausnahmekünstlerin, die mit der Zeit noch besser geworden ist. Vielleicht war der frühe "Big Split" ein künstlerischer Segen und hat ihr die Freiheit gegeben, machen und spielen zu können, was sie will. Ich denke mir, und jetzt kommt der große Bogen zu Jethro Tull, Ian hätte den Split 1980, was er ja auch wohl vorhatte, konsequent machen und Tull beerdigen sollen. Faktisch ist das ja auch über die Jahre schleichend geschehen. IA ist aber bis heute Sklave seines Ruhms und muss ein Programm auf die Bühne bringen, das er längst nicht mehr stemmen bzw. singen kann. KF scheint frei zu sein. Ein paar Perlen der Rainbirds gehören dazu, aber die Masse ihres Schaffens und Vortrags ist danach entstanden. Anders, aber nicht schlechter. Und diese Frau hat ein Arbeitsethos, das wohl seinesgleichen sucht. Trotz eines hörbaren und immer wieder unterdrückten Hustens eine stimmliche Performance, die einfach nur klasse war. Ich möchte KF jetzt gerne noch einmal gesundheitlich topfit sehen...